Still Brings

WEM GEHÖRT DIE STADT? ist eine Frage, die ich mir zum ersten Mal gestellt habe, als 2009 das Kölner Stadtarchiv einstürzte und lange unklar blieb, wer dafür Verantwortung übernehmen würde. Der damalige Oberbürgermeister erklärte dann, schuld an dem Unglück sei das komplexe „System“. Da wurde mir klar: Ich habe gar keine Ahnung, wie so ein System – also „die Stadt“ – eigentlich funktioniert. Was ist überhaupt eine Stadt? Wer bestimmt, was wie gebaut oder abgerissen wird? Wie laufen die Entscheidungsprozesse ab? Welche Verantwortung, welche Möglichkeiten habe ich selber, als Teil des „Systems“, mich in Entscheidungen einzubringen? Die Frage WEM GEHÖRT DIE STADT? war von Anfang an das zentrale Thema und der Titel des Films – weil sie den Kern des Konflikts trifft, und weil sie letztlich nicht zu beantworten ist. Im Film wird das „System Stadt“ zu einer Abbildung unserer Gesellschaft, in der unterschiedliche Menschen sich mit unterschiedlichen Interessen in einen demokratischen Prozess einbringen…  und jeder gibt eine andere Antwort. Auf dem Heliosgelände, das hier für „die Stadt“ steht, wurde im Sommer 2012, noch während meiner Dreharbeiten, ein Straßenfest gefeiert. Dort trat unter anderem die Kölsche Rockgruppe Brings auf – mit einem Song aus ihrem Repertoire, der genauso hieß wie mein Film, nämlich WÄM JEHÜRT DIE STADT? Da ich mit der Kamera auf dem Bürgerfest unterwegs war, habe ich den Auftritt dokumentiert und freue mich, dass er (als eine Art „heimlicher Titelsong“) den Weg in den Film gefunden hat. Aber die Frage stellt sich offenbar nicht nur in Ehrenfeld. Als ich meinen Film nach insgesamt vier Jahren endlich fertig produziert an den Sender und den Verleiher übergeben hatte, stellte ich nach der Rückkehr aus meinem Sommerurlaub fest, dass innerhalb kürzester Zeit gleich zwei weitere Filme mit dem gleichlautenden Titel erschienen waren: die TV-Dokumentation "Wem gehört die Stadt?“ über den boomenden Berliner Wohnungsmarkt und die Reportage "Wem gehört die Stadt? Ein Stadtteil wehrt sich“ über Gentrifizierung im Hamburger Bahnhofsviertel St. Georg. Nach dem ersten kurzen Schreck wurde mir klar: Die Parallelen zeigen, wie präsent die Frage an vielen Orten ist – und natürlich finde ich es spannend, dass die drei Filme auf ganz unterschiedliche Art und Weise der Leitfrage WEM GEHÖRT DIE STADT? nachgegangen sind. Ich habe mich also entschieden, den alten Titel – mit der Ergänzung BÜRGER IN BEWEGUNG – beizubehalten. Bürger sind für mich dabei alle Beteiligten des Stadtentwicklungsprozesses, von dem mein Film WEM GEHÖRT DIE STADT – BÜRGER IN BEWEGUNG einen Ausschnitt zeigt.

Anna Ditges