JÜRGEN LÜTZ, Verleiher

Was ist besonders an Anna Ditges‘ Arbeit?

Schon bei Annas vorherigem Film über Hilde Domin habe ich gemerkt, dass Anna bereit ist, unglaublich viel Zeit in ein Thema zu investieren, sie hat eine große Ausdauer und ist in der Lage, auf verschiedene Lager zuzugehen und sie mit einzubeziehen – das wird in WEM GEHÖRT DIE STADT noch deutlicher, weil es ja um mehrere Parteien und um ganz verschiedene Menschen geht. Dass sich zum Beispiel der Investor so tief in die Karten gucken lässt, ist Annas Verdienst, das schafft nicht jeder. Oder die Stoik und Hilflosigkeit der Stadtverwalter einzufangen. Das zeigt etwas, das anders ist, als diese Leute sonst vorgeben zu sein, und vor allem anders, als man es gedacht hätte. Es ist nicht immer leicht, emotional Zugang zu finden, das fordert schon eine gewisse Aufmerksamkeit, auch vom Zuschauer. Aber wenn man bei so einer Art Film genau hinhört und hinsieht und sich an die Protagonisten „gewöhnt“ hat, dann bekommt man etwas geschenkt: Man erlebt dann etwas, mit dem man nicht gerechnet hätte, das wirklich neu und überraschend ist und das einen packt. Da sitzt man dann später da und denkt sich: Oh mein Gott, das hat der jetzt nicht wirklich gesagt.

Worum geht es für Sie in dem Film?

WEM GEHÖRT DIE STADT stellt die Frage, was der Einzelne in seiner unmittelbaren Umgebung steuern kann. Es gibt drei Protagonisten – die Bürger, die Investoren, und dazwischen die Stadt als verbindendes und auslösendes Glied. Im Film kommen bei diesem Zusammenspiel aber Sachen ans Licht, die zum Teil sehr erstaunen. Zum Beispiel, wenn die Herrschaften von der Stadtverwaltung frei heraus sagen, dass nach zwei Jahren im Grunde gar nichts geschehen ist. Oder wenn der Investor resigniert über die Inklusionsschule spricht, als habe er da gar keinen Einfluss mehr, obwohl er ja der Eigentümer ist. Und richtig frohlocken können die Bürger selbst auch nicht, obwohl sie froh sind, als ein Kompromiss gefunden wird. Die Bürger werden ja dadurch, dass sie sich engagieren, nicht zu Entscheidern. Letzten Endes gibt es eine Teillösung, und Gentrifizierung findet natürlich weiterhin statt – sie wird durch solche Prozesse ja erst mit ermöglicht. Und was der Film auch klar macht: Es geht um Impulse, und ohne den Investor würde gar nichts passieren. Tatsächlich ist das Kalkül des Investors ist im Prinzip von den Städten gewollt, weil die Städte gar nicht die finanziellen Mittel haben, um selber etwas zu bebauen, Brachen nutzbar zu machen und so weiter. Sie müssen die Fläche einem Investor schmackhaft machen und zugleich den Bürgern vermitteln, dass das in deren Interesse ist und dass sie dabei auch ein Mitspracherecht haben. Dadurch, dass eine Shopping Mall angekündigt wird, geraten die Bürger natürlich erst mal in Aufruhr. Aber man braucht solche Schocks, solche Impulse (und die kommen eben häufig erst durch die Investoren), damit überhaupt etwas passiert und damit die Leute sich fragen: wie lebe ich, was soll anders werden? Damit sie sich bewusst machen, was sie verändern könnten. Das könnte der Film im besten Fall auch beim Zuschauer auslösen: ein Bewusstsein für die eigene Rolle in der eigenen Umgebung, das Bedürfnis, aus dem passiven Trott rauszukommen. In jedem Fall zeigt der Film aber, was im Rahmen einer solchen Bürgerinitiative möglich ist: Es muss nicht gebaut werden, was da mal geplant war, wenn es auch bei einem Großprojekt bleibt – vielleicht wird es dann aber ein ganz anderes Großprojekt.

Was macht den Film zu einem Kinofilm?

Dass der Film ein Kinodokumentarfilm werden wird, war von Anfang an klar. Ein Kinofilm braucht ein Alleinstellungsmerkmal – nämlich ein Thema, auf das das Publikum unmittelbar reagieren kann. Denn die Kinovorführung schafft ja, anders als beim Fernsehen, eine Situation, in der verschiedene Leute an einem Ort zusammenkommen und sich austauschen können. Das ist eine aktive und gemeinschaftliche Form von Kulturteilhabe und ganz anders als vor dem Fernseher zu sitzen und zu zappen. Darum geht es auch inhaltlich in WEM GEHÖRT DIE STADT, und deshalb muss man den Film im Kino anbieten. Zum einen wegen des regionalen Bezugs, zum anderen aber eben auch, weil man Grundsätzliches darin erkennen kann. Dass es einen lokalen Bezug gibt und auch geben muss, ist klar, die Geschichte findet ja nicht im luftleeren Raum statt. Aber das heißt nicht, dass sie auf diesen Ort beschränkt ist. Die drei Protagonisten sind überall die gleichen: In jeder deutschen Stadt gibt es einen Investor, der etwas bewegen will und Protest erntet, eine Stadtverwaltung, die kein Geld hat, und eben die Bürger selbst. Ich erkenne in dem Geschehen in Ehrenfeld viele Projekte aus anderen Städten wieder, und ich glaube, auch jeder Stadtverwalter kann sich den Film anschauen und sich selbst wiedererkennen. Der Film hat eine sehr breite Zielgruppe, denn im Grunde spricht das Thema jeden an, weil es jeden angeht.