BRETT ORLOFF, Schnittassistenz

Wie war die Arbeit im Schneideraum?

Für mich war Annas Arbeit superspannend, weil sie die Menschen über einen so langen Zeitraum begleitet hat. Man erlebt die verschiedenen Entwicklungen mit wie die Jahreszeiten und kann nachvollziehen, wie die Leute sich verändern. Als ich im August 2013 als Cutter-Assistentin dazu gekommen bin, hatte Anna bereits über einen langen Zeitraum gedreht und geschnitten, aber vieles stand noch gar nicht fest. Vor allem das Ende war immer ein bisschen problematisch, weil wir darauf gewartet haben, dass es eine Entscheidung gibt, wie es mit dem Gelände weiter gehen soll. Davon hängt ja auch ab, wie der Film ausgeht. Zuletzt sollte dann eine Schule gebaut werden, aber irgendwie blieb das Ende trotzdem offen. Wir haben dann viel darüber diskutiert, ob dieses offene Ende ein Problem ist für den Film. Ich denke aber inzwischen, es ist gut, dass es keine Lösung gibt. Denn so ist die Realität. So viel ist passiert, so viel hat sich bewegt, aber es gibt kein Ergebnis – das finde ich eine starke Aussage. Genauso ist es doch im Leben, und jeder geht anders damit um.

Worin besteht die Aussage des Films?

Das Thema des Films ist nicht nur „deutsch“ oder „kölsch“, es ist ziemlich universal. Oder jedenfalls europäisch. Ich denke, der Film ist vor allem interessant für Leute, die in einer Stadt leben, also eng zusammen. In einer Großstadt ist man so eng miteinander verbunden, ob man will oder nicht. Man muss sich damit auseinandersetzen, wer noch da lebt. Ich komme aus Estland, das früher Teil der Sowjetunion war, dort gibt es auch Veränderungen in den Städten. Aber oft gibt es noch diese Haltung von früher: „Ich kann ja sowieso nichts ändern.“ Ich finde es toll, dass es in Deutschland anders ist, dass Leute sich die Zeit nehmen – wir haben ja alle immer viel zu wenig Zeit, um uns für etwas zu engagieren – dass sie etwas tun und an etwas glauben. Auch wenn dieses Tun nicht immer ein Ergebnis bringt. Auf der anderen Seite: Ohne die Bürgerbewegung wäre da jetzt eine Shopping Mall. Es gibt also kein Happy End, keine Lösung. Aber es hat sich etwas bewegt, weil die Menschen sich bewegt haben, darauf kommt es an.

Natürlich hat dieser Film kein leichtes oder lustiges Thema. Aber er ist gar nicht trocken, sondern nah an den Menschen. Es ist ein sehr menschlicher Film geworden, der viel mit Leidenschaft zu tun hat. Alle Menschen, die wir da erleben, haben mit sehr viel Leidenschaft für etwas gekämpft, an das sie glauben. Man kann sie alle verstehen, jeder hat irgendwie Recht, und das macht es sehr spannend und auch emotional, weil so viel Empathie entsteht. Ich finde, das macht einen interessanten Dokumentarfilm aus: gute Protagonisten und Konflikte. Deutsche Dokumentarfilme fand ich früher oft sehr trocken, sehr sachlich. Als ich Annas Stil kennengelernt habe, war ich überrascht. Anna hat einen guten Zugang zu Menschen, sie schafft es, sie zu öffnen und Zugang zu ihren Gefühlen zu bekommen. Das prägt natürlich ihren Stil, das macht die Filme aus.