ANNA DITGES, Autorin

Wie sind Sie auf das Thema gestoßen?

Eines Tages kam ein Zeitungsartikel in mein Büro geschneit, dass in Ehrenfeld, direkt um die Ecke, eine Shopping Mall gebaut werden sollte. Das wollte ich mir genauer anschauen. Also bin ich mit der Kamera zu der ersten Infoveranstaltung gegangen. Daraus wurde dann später eine der ersten Szenen im Film: Der Investor präsentiert die Idee, ein Einkaufszentrum auf dem alten Industrieareal zu errichten, die Bürger wehren sich vehement dagegen, und die Bürgerinitiative Helios tritt in Erscheinung. Es war mir schnell klar, dass ich diesen konkreten Fall weiter verfolgen wollte – nicht nur weil das alles in meiner Nachbarschaft stattfand, sondern weil es mir die Möglichkeit bot, auf sehr konkrete Weise etwas über die Beteiligungsmöglichkeiten der Bürger am „System Stadt“ herauszufinden. Die Bürger sind ja – mich selbst eingeschlossen – , was Politik betrifft, üblicherweise Laien; in die politischen Strukturen müssen sie sich erst einarbeiten. Wie häufig tagt der Rat? Welche Rolle spielt welches Amt, und wer entscheidet da über was? Welche Rechte und Pflichten hat ein Investor oder ein Grundstücksbesitzer? Das sind fundamentale Fragen, durch die sich auch die Protagonisten in meinem Film erst einmal durchbeißen mussten, um Einfluss nehmen zu können. Indem ich dokumentiert habe, wie Bürger versuchen mitzumischen und mit wem sie es da zu tun bekommen, konnte ich ein Stück Stadtplanung aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten. Die Protagonisten meines Films sind Ehrenfelder Anwohner, lokale Politiker, Mitarbeiter des Stadtplanungsamts und Menschen aus der Wirtschaft, sie alle erzählen die Geschichte um die Entwicklung des Heliosgeländes selbst.

Wie war es, zwischen den Fronten zu stehen?

Das Klischee „arme Bürger gegen bösen Investor“ ist zwar überall präsent, aber in Wirklichkeit sind die Fronten oft gar nicht so klar und die Auseinandersetzungen vielschichtiger. Die Stadt ist wie ein großes Uhrwerk, in dem sich viele große und kleine Rädchen drehen – wenn man mitten drin steht, kann man nicht immer alle sehen. Ich habe versucht, mich durch diese sich ewig bewegende Maschinerie zu bewegen und hier und da einen genaueren Blick auf das zu werfen, was gerade passiert und daraus abzuleiten, welche Folgen das hat. In Ehrenfeld habe ich auch immer wieder Menschen getroffen, die nichts gegen eine Shopping Mall einzuwenden hatten, aber genau diese Menschen haben sich dann nicht in den Prozess eingebracht. Diejenigen, die aktiv werden, sind oft die, die gegen etwas sind – oder ein bestimmtes Ziel verfolgen, also „egoistische“ Interessen durchsetzen wollen. Das muss nicht schlecht, sondern kann auch sehr wichtig und konstruktiv sein. Die Wirtschaft ist ein wichtiger Motor für Stadtentwicklung und Gentrifizierung bedeutet häufig auch für die Anwohner eine Aufwertung ihres Umfelds. Andererseits gilt es natürlich, die „Kleinen“ zu schützen, die im Übrigen nicht nur ihr traditionelles Zuhause in einem bestimmten Viertel haben, sondern ja das Stadtbild prägen, mit dem Einzelhandel und einer gewachsenen Infrastruktur, die eine besondere Lebenskultur bedeutet.

Manchmal stand ich zwischen den Extremen: Etwa, wenn ich mich an einem Tag mit dem Investor in seiner Baufirma über Wirtschaft und Stadtentwicklung unterhalten habe und dann am nächsten Tag bei der Schreinerin, einer Anwohnerin, im Wohnzimmer saß und von ihr erfuhr, dass sie ihre Existenzgrundlage verliere, sollten die Räumlichkeiten, in denen sich ihre Werkstatt befindet, im Rahmen der Neugestaltung des Geländes abgerissen werden. Eine Auseinandersetzung wie die um das Helios-Gelände betrifft die Gesellschaft durch alle Schichten hindurch, von „ganz oben“ bis nach „ganz unten“. Die Macht – also die Möglichkeit der Einflussnahme – ist unterschiedlich verteilt. Demokratie heißt nicht, dass alle gleich sind.

Wie war die Zusammenarbeit mit Fernsehredakteur und Kinoverleiher?

WEM GEHÖRT DIE STADT – BÜRGER IN BEWEGUNG ist ein Kinofilm, der in Zusammenarbeit dem Kleinen Fernsehspiel entwickelt und produziert wurde, und ich bin sehr froh, dass der Kinoverleiher Jürgen Lütz und der Redakteur Christian Cloos das Projekt von Anfang an unterstützt und begleitet haben. Der Film war von Anfang an als Kinofilm konzipiert: als Film, der Raum lässt für eine eigene Interpretation, mit einer ruhigen, eher fotografischen Kamera, die den Menschen auf Augenhöhe begegnet und jeden an seinem Platz zeigt. Es war mir wichtig, das Thema frei zu erzählen, nur aus sich selbst heraus. Deshalb ist der Film aufgebaut wie ein Spielfilm: Die Figuren und ihre Geschichte werden nicht durch einen Kommentar erklärt, sondern miterlebt. Im besten Fall regt mich das als Zuschauer dazu an, weiterzudenken, oder es berührt mich, weil ich ähnliches erlebt habe wie einer der Protagonisten oder ähnlich reagieren würde – oder eben auch ganz anders. Für mich war die Arbeit vor allem eine Suche, bei der Themenfindung, beim Drehen und im Schnitt. Eine Langzeitbeobachtung ist ja wie ein langes Hämmern und Schleifen an einer Skulptur, von der man am Anfang noch gar nicht weiß, wie sie zuletzt aussehen wird. Da waren sowohl mein Redakteur als auch mein Verleiher sehr geduldig und haben mir viel Unterstützung, aber auch alle Freiheit gegeben, den Film so herauszuarbeiten, wie ich das wollte.

Wie verliefen die Dreharbeiten?

Die Dreharbeiten haben viel Zeit und Energie in Anspruch genommen, nicht nur weil ich über mehrere Jahre gedreht habe, sondern vor allem, weil ich die ganze Zeit alleine mit der Kamera unterwegs war. Ich wusste, dass es mir nur auf diese Weise gelingen würde, alles Material einzufangen, das ich brauche. Es ist ja bis zuletzt nie ganz absehbar, was später einmal wichtig sein wird, und es lässt sich auch nichts wiederholen oder neu inszenieren. Daher war ich auf vielen öffentlichen Veranstaltungen, habe unzählige Interviews geführt und sogar Straßenumfragen gemacht. Wer die Protagonisten des Films werden würden, stand anfangs nicht fest. Der Investor und der Bezirksbürgermeister hatten sich schon mit der ersten Infoveranstaltung als wichtige Impulsgeber für den Prozess eingebracht, ebenso wie der Sprecher der Bürgerinitiative, und es war klar, dass sie ihn auch die gesamte Zeit über begleiten und mitgestalten würden. Aber in vielen anderen Fällen hat sich das erst nach und nach ergeben. Bei der Stadt habe ich wiederholt mit verschiedenen Verantwortlichen bis hin zum Baudezernenten ausführliche Gespräche geführt und mich letztlich im Schnitt für die Leiter des Stadtplanungsamtes entscheiden, weil diese im Prozess vor Ort am intensivsten vertreten waren. Andere Beteiligte, wie etwa die Bewohner des Geländes selbst, habe ich erst finden, kennenlernen und überzeugen müssen. Mit allen Protagonisten und Nebenprotagonisten habe ich viel Zeit verbracht, sie immer wieder besucht und auch im Alltag begleitet, es ist mir dabei enorm wichtig, Vertrauen aufzubauen und ihren Standpunkt auch von einer persönlichen Seite kennenzulernen. Ich empfinde meine Arbeit als sehr verantwortungsvoll. Auf diese Weise sind in zwei Jahren 180 Stunden Material zusammengekommen, von dem letztlich nur ein Bruchteil – als eine Art Kondensat – in den Film eingeflossen ist.

Wie ist dann aus all dem Material ein Film geworden?

Es war ein langwieriger, aufwändiger Schnittprozess. Ich habe zwei Jahre lang, und schon während des Drehens, an dem Film geschnitten, dabei unterstützt auch durch meine Schnittassistenten und die Dramaturgin immer wieder gefiltert, aussortiert und Blöcke gebaut, bis ich einen dramaturgischen Bogen hatte, von dem ich wusste, so kannst du es erzählen. Der Schnitt war ein intensiver und aufreibender Prozess. Ein bisschen wie das Beteiligungsverfahren selbst, das ich im Film beschreibe. Vieles ist natürlich im Schnitt auch rausgefallen. Es tat mir besonders weh, Menschen wegzulassen, die wichtig waren für die Findung des Films und die dazu beigetragen haben, dass der Film jetzt so ist, wie er ist: weil sie mich in Begegnungen und bei Dreharbeiten auf Ideen gebracht und mir wichtige Hintergrundinformationen geliefert haben, die auf unterschiedliche Weise in den Film eingeflossen sind. Ich bin allen Beteiligten dankbar für ihre Hilfe und Mitarbeit an diesem aufwändigen Projekt.

Gibt es so etwas wie eine „Botschaft“ des Films?

Das System Stadt ist zwar im Ganzen komplex und schwer zu überblicken, aber im Detail nicht intransparent. Ich wollte keinen Film machen, der einen Fall von Korruption entlarvt oder jemanden anprangert. Sondern ich wollte anhand eines ganz normalen Planungsbeispiels zeigen, wie Stadtentwicklung abläuft, welche Räder dabei in Bewegung geraten – und wie man an welchen Rädern mitdrehen kann. Ich bin die Letzte, die sagt, jeder muss auf die Barrikaden. Aber der Film soll durchaus dazu anregen, sich bewusst zu machen, dass man Einfluss nehmen kann, wenn man Einfluss nehmen will. Zugleich ist es mir ein Anliegen, zu zeigen, dass man nicht immer einfach alles schwarz und weiß sehen muss. „Politiker sind auch nur Menschen“ ist ein Fazit, das der Sprecher der Bürgerinitiative am Ende des Films zieht und der Investor verteidigte den Standpunkt „wir alle sind Bürger“. Wir können wählen, ob wir die Arbeit unseren politischen Vertretern überlassen oder ob wir uns selber einbringen. Die Grenzen zwischen Politikern und Bürgeraktivisten sind fließend – und die Stadt, das sind alle Menschen, die darin leben und wirken.