ANDREAS SCHÄFER, Filmkomponist

Was macht die Erzählweise des Films besonders?

Als ich den ersten Schnitt gesehen habe, habe ich schnell verstanden, worauf Anna hinauswill: eine Realität abzubilden, bei der man normalerweise schnell zu wissen meint, wo man auf der richtigen Seite steht – und diese Gewissheiten in Frage zu stellen, sie aufzubrechen, so dass man plötzlich nicht mehr weiß, ob wirklich immer die einen recht haben und die anderen unrecht. Man erlebt mit, wie demokratische Prozesse funktionieren, und die funktionieren anders als erwartet: Man erfährt, dass das alles gar nicht so einfach ist und dass es keine klare Parteinahme geben muss. Vielleicht auch gar nicht geben kann. Ich finde das interessanter als Filme, die ein klares politisches Statement abgeben. In vielen anderen Berichten oder Dokumentationen zu dem Thema wird eher eine Art Magazin-Realität erzählt. Mit klaren, pauschalisierten Positionen: die einen sind so, und die anderen sind so, und jeder kann sich sofort entscheiden, auf welche Seit er gehört. Annas Film geht aber weiter und schaut dahinter, er geht tiefer. Sie bietet einem keine Abziehbilder an, die man in 10 Sekunden nacherzählen und weglegen  kann. Sondern ihr Film geht den Figuren nach, er schafft komplexe Konstellationen, die man sich erst nach und nach selbst erarbeiten muss. Man muss sich selbst zurechtfinden, und manchmal dauert das auch ein bisschen länger, weil man eben nicht alles fertig beurteilt serviert bekommt. Aber nach und nach gewinnen die Menschen in dem Film an Umriss, und wenn die dann einmal gegeneinander stehen, dann wird es sehr spannend. Anna hat keine Angst vor einer differenzierteren, anspruchsvolleren Sichtweise. Ihre Filme sind aber dann besonders erhellend, weil sie die Menschen und die Situationen sich entfalten lässt, sie folgt ihrem Rhythmus und taucht wirklich in diese verschiedenen Welten ein. Annas besondere Erzählweise lässt ihre Protagonisten zu Wort kommen und sich entwickeln, so kompliziert wie sie nun einmal sind: witzig und gefährdet. Auch wenn Anna selbst nicht vor der Kamera auftaucht: Daran, wie sie draufhält, merkt man, dass es ein sehr persönlicher Blick ist – der etwas genau wissen will, aber respektvoll und auch liebevoll bleibt. Es wäre ein Leichtes, egal welche Figur vorzuführen oder zu entlarven. Der Investor, der auf dem Golfplatz Geschäfte macht, der dicke Bürgermeister mit seiner Nikotinsucht, die vielleicht gar nicht so tolle und erfolgreiche Schreinerin, die kann man alle „vorführen“, aber das verweigert der Film. Sie bewahren ihre Würde.

Welche Rolle spielt die Filmmusik?

Die Musik ist bei diesem Film nicht wichtig – der Rhythmus entsteht aus den Bildern, aus der Montage. Da ist die Musik nur eine kleine, feine Zutat. Ich habe mich als Komponist auf bestimmte wenige Stellen beschränkt und bin sehr zurückhaltend vorgegangen. Es ging mir darum, eine Musik zu finden, die nicht interpretiert. Denn der Film will einen von nichts überzeugen. Natürlich gibt es auch hier Momente, an denen die Filmmusik ein bisschen emotionalisiert und das auch darf, um etwas zu unterstreichen, aber sie darf eben nicht Stellung nehmen oder kommentieren. An anderen Stellen wird es eher ironisch – aber auch in der Musik nicht so, dass es Leute ausstellt oder denunziert. Die Arbeit an der Musik war ein weiterer gemeinsamer Findungsprozess mit Anna: Wir haben darüber gesprochen, wo ein bestimmter Blick auf die Protagonisten aufgemacht wird, wo die Figur auf der Stelle tritt und ob und wie die Musik darauf eingehen sollte. Anna hat auch viel verworfen und weggenommen. Die Idee ist, dass die Musikeinsätze wie Duftmarken sein sollen. Die Musik soll keine Geschmacksverstärkung sein, das braucht es hier nicht. Es bleibt immer eine Irritation.