Von der Initiative zur Beteiligung...

Nie waren „Bürger“ so „bewegt“ wie heute: In Deutschland und überall auf der Welt protestieren die Menschen in den Metropolen gegen Gentrifizierung und Mietpreissteigerungen, gegen Abrisspläne für Kulturstätten und Fehlplanungen für neue, teure Prestigeprojekte. In vielen Kommunen war die Forderung nach „Mehr Partizipation!“ zunächst vor allem empörte Reaktion auf ein offensichtliches Versagen von Politik und Stadtplanung. So auch in Köln, wo nach dem Einsturz des Stadtarchivs viele Anwohner das Vertrauen in die Stadtverwaltung verloren hatten und sich nicht länger weiter tatenlos zuzusehen wollten, wenn über ihre Köpfe hinweg ein Schauspielhaus abgerissen oder ein Hafen umgebaut werden sollte. Doch die meisten Bürger engagieren sich nicht nur gegen, sondern auch für etwas: Es geht ihnen konkret um die Verwirklichung eigener Vorstellungen von einem besseren (Zusammen-)Leben in der Stadt – und ganz allgemein um die Rolle eigener Verantwortung in einer demokratischen Gesellschaft. So auch bei der Neugestaltung der prominentesten Brache von Köln-Ehrenfeld, dem Heliosgelände. Über einen Zeitraum von über zwei Jahren begleitete und dokumentierte Anna Ditges hier ein moderiertes Verfahren zur vertieften Bürgerbeteiligung, das eines von vielen gesetzlichen Möglichkeiten der Mitbestimmung darstellt und dank seines Erfolgs als Modellprojekt für andere Städte und Initiativen gelten kann.

Das Publikum

... auf dem Heliosgelände

Seit 2008 ist das Areal im Besitz einer Grundstücksgesellschaft, zu der unter anderem die Bauwens-Unternehmensgruppe gehört. Als die Besitzer 2010 den Bau eines überdachten Einkaufszentrums ankündigten, kam es unverzüglich zu massiven Protesten auf Seiten der Anwohner und der Betroffenen. Unter anderem gründete sich eine Bürgerinitiative (BI Helios), die sich für eine kleinteilige Struktur aus Ateliers, Wohnraum, inhabergeführtem Handel, kulturellen Einrichtungen, Gastronomie und öffentlichen Flächen einsetzte. Daneben gab es zahlreiche andere Interessensgruppen, Bürgervereine sowie Einzelpersonen, die sich gegen den Bau der Shopping Mall aussprachen, in der viele eine Gefährdung des Einzelhandels und damit der wirtschaftlichen Entwicklung des ganzen Stadtteils sahen.

Nach Gesprächen zwischen Bürgern, Investor, Bezirksbürgermeister und Stadtverwaltung fand ab 2011 ein ergebnisoffenes, von externen Moderatoren begleitetes Bürgerbeteiligungsverfahren statt. Dabei wurden die Vorstellungen der verschiedenen Interessensgruppen diskutiert und in Arbeitsgruppen gemeinsame Ziele und Inhalte als inhaltliche Grundlage für die weitere Planung auf dem Heliosgelände entwickelt. Die Ergebnisse wurden 2012 der Bezirksvertretung Ehrenfeld, den zuständigen Ratsausschüssen sowie dem Rat zur Entscheidung vorgelegt. Als Vorgabe für einen städtebaulichen Wettbewerb wurde das Leitbild „Belebtes Stadtquartier für Alle“ zur Gestaltung des Geländes als innovatives Wohn- und Kulturquartier ohne Einkaufszentrum festgelegt. Auf Initiative der Stadt Köln wurde zudem der Bau einer Schule als Projekt der Universität Köln in die Pläne mit einbezogen – eine Idee, die bei der Bürgerbewegung auf breite Zustimmung stieß.

Im Rahmen eines „kooperativen Gutachterverfahrens“ setzten 2013 drei eingeladene Planungsbüros die Ergebnisse des Moderationsverfahrens in städtebauliche Planungsentwürfe um. 2014 entschied der Rat der Stadt Köln sich für einen dieser Entwürfe als Basis für das sich nun anschließende Bebauungsplanverfahren und die Hochbauplanung für die Inklusive Universitätsschule (IUS).